Die sichtbare Seele Kölns

Axel Kolvenbach, Köln 2025 – Im Ateliergespräch: „Über die Kraft der Malerei“

Die Stadt, in der er aufwuchs, liegt wie ein schwankender Horizont in der Erinnerung: Köln der Nachkriegsjahre, Trümmer, Rheinwasser, in dem man noch baden konnte, ohne das giftige Bewusstsein der Moderne. Ein Kind wandert durch diese Stadt, geführt vom stummen Kompass des Domes, der sich als unverrückbarer Pol am Himmel erweist. Schon hier, zwischen den Schichten aus Geschichte, Geschäft und Familie, wird das spätere Werk geboren – nicht als bewusstes Konzept, sondern als Resonanz der Dinge, die gesehen, berührt, gespürt werden müssen.

Kolvenbachs erste Berührung mit der Farbe ist ein Fiebertraum: acht Jahre, ein geschenkter Malkasten mit Ölfarben, Pissarro’s Apfelblüten. Nicht die Instruktion, nicht die Technik, sondern das Erkennen der Welt durch Farbe. Ein Bild als Glückstaler, ein Auftakt zu einem Leben, das die Hand des Malers nie von der Materie lässt. Die Farben werden später dunkler, dichter, wie verdichtete Zeit, aber diese erste Geste bleibt das Fundament: Malen als Atem, als unmittelbare Reaktion auf das Sein.

Seine Wege sind von Übergängen geprägt. Die frühe Auseinandersetzung mit Fotografie – mit der Dunkelkammer als Labor des Sehens – hat seinen Blick geschärft, doch heute ist es allein die Malerei, in der sich dieser geschulte Sinn verdichtet. Hier entfaltet sich der Apparat nicht als technische Vorrichtung, sondern als innere Linse: ein Medium, das weniger abbildet, als dass es enthüllt. Die Leinwand wird Bühne, Spiegel und Resonanzkörper zugleich. Menschen, Landschaften, Licht – alles wird auf die Haut der Leinwand übertragen, reflektiert durch die Sinnlichkeit der Finger, die über die Oberfläche streichen, durch die Intimität des Pinsels, der Farbe als plastisches Ereignis. Haptik wird zum Denken, Material zur Philosophie.

Auch seine bürgerliche Laufbahn mischt sich hier ein: Jahrelang stand er als Drogist im Labor der Düfte, Pulver und Essenzen. Ein Beruf, der ihn zugleich zum Chemiker machte – oder, richtiger noch, zum Alchemisten. Aus dieser Nähe zu Substanzen erwuchs eine besondere Sensibilität für Stoff, Mischung und Wandlung, die später in seine Malerei überging: Farbe ist für ihn nicht bloß Mittel, sondern Verwandlung, ein alchemistischer Akt, der Materie in Erfahrung und Licht überführt.

„Ich male, um das Unstabile sichtbar zu machen. Städte, Gesichter, Landschaften – sie sind für mich keine Motive, sondern Fragmente eines inneren Zustands.“

Axel Kolvenbach

Kolvenbachs Motivwelt ist zugleich geographisch und metaphysisch: der Kölner Dom, Reflexionen im Rhein, die stille Präsenz von Seen in der Eifel. Doch diese Orte sind nicht nur Landschaften; sie sind Zeiträume, energetische Knotenpunkte zwischen Erinnerung, Gegenwart und Imagination. Und immer wieder reist er – nach Lüneburg, Mosel, Worms, Ulm –, und dort, wo er ist, malt er: Stadtbilder, die in der Farbe pulsieren wie lebendige Organismen, Spiegelungen von Licht und Geschichte zugleich. Seine Kinder und Porträts fremder Menschen – sie alle tauchen auf, um die Vielfalt menschlicher Existenz zu bezeugen. Freude, Ambivalenz, die Verletzlichkeit der Haut, das Licht in den Augen: Hier wird die Kunst zur Transzendenz, zur Brücke zwischen Innenwelt und Außenwelt.

Sein Atelier ist sowohl Schöpfungsraum als auch Rückzugsort. Für Kolvenbach gilt: ‚Die Stille muss durchgesetzt werden.‘ Erst dann kann die Zeit gedehnt, die Farbsubstanz ergriffen, modelliert, verwandelt werden. Arbeit, Disziplin und Intuition verschmelzen: ein Sonnenaufgang auf dem Dom, das Licht über dem Rhein – keine Fotografie, kein Archiv, sondern Erfahrung und Erinnerung, transformiert durch die Hand des Künstlers. Die Perfektion ist kein Dogma, sondern ein Akt der Verinnerlichung, ein Dialog mit dem Werk, das sich nicht unterwirft, sondern antwortet.

Für Kolvenbach ist Kunst Luxus – nicht monetär, sondern im Empfinden. Sie ist wie der Heilige Geist, der Energie erzeugt, die wirkt, die den Menschen berührt und verändert. Seine Werke sind nicht nur Schauplätze von Stadt und Natur, sondern epistemische Räume, die Bewusstsein weiten, Fragen stellen, Wahrnehmung schärfen. Sie konfrontieren, heilen, reflektieren. Die Welt, die wir kennen, wird durch sie zu einem Ort der Möglichkeit, zu einer Metropole der Poesie.

Und so entsteht ein Künstlerbild, das sich nicht in Kategorien fassen lässt: Axel Kolvenbach ist Chronist und Alchemist zugleich. Er sammelt Licht, Farben, Gesten und transformiert sie in Erfahrung. Ein Leben, das zwischen Geschäft und Atelier, zwischen Alltäglichem und Transzendentem pendelt, spiegelt sich in seinen Bildern wider. Wer vor ihnen steht, sieht Köln, sieht Menschen, sieht sich selbst – aber vor allem spürt man die stille Energie eines Lebens, das in der Malerei eine Resonanz gefunden hat, die bleibt, überdauert und weiterwirkt.